Thursday 2. July 2020

Christian Mellon sj

Den Fremden aufnehmen


 

Wenn Christen sich entscheiden müssen, können Fragen zur Asyl- und Einwanderungspolitk niemals den zweiten Platz einnehmen. Sie stehen im Zentrum des Glaubens.

 

Die Europäische Union vertritt im Bereich des Asyls und der Einwanderung Positionen, die sich wenig von christlichen Positionen unterscheiden. Christliche Organisationen, welche sich die Verteidigung der Rechte von Migranten zum Ziel gesetzt haben, konstatieren und beklagen jedoch, dass diese Grundsätze in der Praxis häufig relativiert werden: Die politisch Verantwortlichen setzen sich oft dafür ein, den Zugang von EU-Ausländern zum Gebiet der Union zu beschränken.

 

Dies ist Teil dessen, was Papst Franziskus als „Kultur der Zurückweisung“ ablehnt. Stattdessen lädt er zu einer „Kultur der Begegnung“ ein, da für einen Jünger Christi die Aufnahme eines Fremden mehr ist als eine einfache moralische oder rechtliche Forderung, sondern spiritueller Natur: der Herr begegnet uns im Fremden (Mt 25,35). Wenn Christen sich gegen die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ – wie es sich auf dramatischer Weise in Lampedusa gezeigt hat – erheben, ist es, weil es in der „Bibel Seiten gibt, die man nicht herausreißen kann“, so ein französischer Bischof in einer öffentlicher Debatte.

 

Diese Grundhaltung des Aufnehmens gründet sich innerhalb der katholischen Soziallehre auf das Prinzip der „universellen Bestimmung der Güter“, demnach jeder Mensch den Anspruch auf die Bereitstellung von Gütern hat, die ein würdiges Leben erlauben: Wenn sie diese „Lebensmöglichkeiten“ in ihrem Herkunftsland nicht finden können, haben sie das Recht, sie woanders zu suchen. Dieses führt, gemäß Artikel 2241 des Katechismus der katholischen Kirche zu einer regelrechten Verpflichtung, diese Menschen aufzunehmen: „Die wohlhabenden Nationen sind verpflichtet, so weit es ihnen irgend möglich ist, Ausländer aufzunehmen, die auf der Suche nach Sicherheit und Lebensmöglichkeiten sind, die sie in ihrem Herkunftsland nicht finden können.“

Andere Prinzipien der christlichen Soziallehre - das Ziel eines „universalen Gemeinwohls“,  Solidarität, die Achtung der Ärmsten, das Recht auf Familienleben – beeinflussen nicht nur das „humanitäre“ Engagement vieler Christen in der Verteidigung der bedrohten Rechte, sondern auch ihre politischen Entscheidungen bei der Wahl derjenigen, die die Haltung der EU zu diesen Kernfragen finden müssen.

 

Weitere Informationen zur Migrations- und Integrationspolitik und den Grundsätzen der katholischen Soziallehre finden Sie unter:


 www.doctrine-sociale-catholique.fr/index.php?id=6822


 

Christian MELLON sj

Centre de recherche et d’action socials (CERAS), Saint-Denis  www.ceras-projet.com

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

"Jedem Menschen muß (...) auch erlaubt sein, sofern gerechte Gründe dazu raten, in andere Staaten auszuwandern und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen (...)". Papst Johannes XXIII (Pacem in terris, 12)

 

 

"Die Institutionen der Aufnahmeländer müssen sorgfältig darüber wachen, dass die Versuchung nicht an Boden gewinnt, ausländische Arbeitskräfte auszubeu-

ten, indem man ihnen die Rechte, die den inländischen Arbeitskräften garantiert sindund allen ohne Unterschied zugestanden werden müssen, versagt". Kompendium der Soziallehre der Kirche (Kapitel VI, 298)

 


Bitten wir um ein weites Herz für die Immigranten. Gott wird uns danach richten, wie wir den am meisten Bedürftigen begegnet sind.

 

 

 

http://the-europe-experience.eu/