Thursday 2. July 2020

Prof. Regina Polak

Migration als “Zeichen der Zeit”


 

Die katholische Kirche betrachtet Migration als „Zeichen der Zeit“ (EM 14). Migration fordert dazu auf, gemeinsam eine erneuerte Menschheit aufzubauen. Für Gläubige ist Migration ein Instrument der Heilsgeschichte Migration ermöglicht die Gelegenheit, Gerechtigkeit zu lernen, das Zusammenleben der einen Menschheit in Vielfalt und Verschiedenheit zu erproben und darin die Gnade Gottes zu erfahren.

 

Diese Sicht auf Migration als Segen (EM 101; CSD 297) verdankt der christliche Glaube seiner Geschichte. Wanderungen, Flucht, Exil, Asyl, Diaspora sind biblische Grunderfahrungen. In den Erzählungen über Abraham, den Auszug aus Ägypten und das Babylonische Exil wird Migration als Erfahrung der Gnade Gottes erkannt. Daraus entsteht eine Ethik, die sich für Fremde verantwortlich weiß. Jesus Leben ist von Heimatlosigkeit geprägt. Die ersten Christen verstehen sich als „Fremde“ und Gäste“ auf Erden (Hebr 11,13; 1 Petr 2,11). Paulus betont die Einheit der Menschen in ihrer Verschiedenheit in Christus (Gal 3,28; Kol 3, 10-11). Die Verantwortung für den Fremden ist ein ethisches Gebot und kann zum Begegnungsort mit Christus selbst werden (Mt 25).

 

Migration ist aber auch ein Fluch. Sie zeigt die Sünde des Menschen: Angst und Aggression gegenüber dem Fremden, Armut und Gewalt, Unrecht und Ungerechtigkeit. Migration ist nicht die Ursache dieser Probleme, sondern macht sie sichtbar. Deshalb setzt sich die Kirche für Migrationspolitik ein:

 

Einsatz für eine nationale und internationale Politik der Gerechtigkeit: Dazu gehört die rechtlich und strukturell gesicherte Partizipation von MigrantInnen am Arbeitsmarkt (CSD 298; EM 5), an der Bildung und am politischen Gemeinwesen, damit MigrantInnen ihre gesellschaftlichen Pflichten erfüllen und ihre Fähigkeiten einbringen können. Internationale Entwicklungspolitik (CSD 297) sowie die Suche nach einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung (EM 8) sind weitere Elemente jeder gerechten Migrationspolitik. Denn die Hauptursache für die zeitgenössischen Migrationen liegt in der ungerechten Verteilung der Güter der Erde (EM 8).

 

Förderung des Zusammenlebens in Vielfalt und Verschiedenheit: Die Kirche versteht sich selbst als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der Menschheit“ (LG 1). Sie fördert „Einheit in Vielfalt“. Vielfalt gilt als Reichtum: als die Kirche geboren wird (Apg 2), sprechen die Völker keine Einheitssprache, sondern verstehen einander kraft des Heiligen Geistes in ihrer Verschiedenheit. Unterschiede gelten deshalb als Bereicherung. Eine besondere Bedeutung kommt dabei jenen Gemeinschaften und Gemeinden zu, in denen gesellschaftliches Zusammenleben (Convivenz) erprobt wird.

 

Umgang mit Flüchtlingen und Asylwerbern: Bereits das Alte Testament formuliert ein Gesetz über „Asylstädte“ (Dtn 4,41; 19,1-10): Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft, der Zugang zu Marktplätzen und Wasser sind rechtlich verbrieft. Auch die Kirche setzt sich für die Menschenwürde und die Menschenrechte von Flüchtlingen ein: Lampedusa ist ein Symbol der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (Papst Franziskus).

 

Am Umgang mit MigrantInnen und Flüchtlingen erweist sich, was Europa unter Humanität und Gerechtigkeit versteht.

 

MMag. Dr. Regina Polak, MAS

Institut für Praktische Theologie

Pastoraltheologie und Kerygmatik

Katholisch-Theologische Fakultät

Universität Wien

Schenkenstrasse 8-10

1010 Wien

 

Homepage:

http://www.univie.ac.at/ktf/prt

http://migration-pt-ktf.univie.ac.at/

 

 

CSD- Pontifical Council for Justice and Peace: Compendium of the Social Doctrine of the Church

 

EM- Pontifical Council for the Pastoral Care of Migrants and the Abandoned: Instruction on the Charity of Christ towards Migrants

 

 

"Jedem Menschen muß (...) auch erlaubt sein, sofern gerechte Gründe dazu raten, in andere Staaten auszuwandern und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen (...)". Papst Johannes XXIII (Pacem in terris, 12)

 

 

"Die Institutionen der Aufnahmeländer müssen sorgfältig darüber wachen, dass die Versuchung nicht an Boden gewinnt, ausländische Arbeitskräfte auszubeu-

ten, indem man ihnen die Rechte, die den inländischen Arbeitskräften garantiert sindund allen ohne Unterschied zugestanden werden müssen, versagt". Kompendium der Soziallehre der Kirche (Kapitel VI, 298)

 


Bitten wir um ein weites Herz für die Immigranten. Gott wird uns danach richten, wie wir den am meisten Bedürftigen begegnet sind.

 

 

 

http://the-europe-experience.eu/